Chettin'3


Chettin'3 im Algermissener Kulturbrunnen

am 05.05.2018

 

“Chettin’3” und die Kraft von Wort und Musik

Das Alte Wasserwerk jenseits vom Mainstream

Text und Fotos: Hans-Jürgen Niemann


„Denn sie wissen nicht, was sie tun“, der 1955er Kultfilm thematisierte erstmals die tiefen Gräben in Gesellschaft und Familie der USA des Puritanismus. Vor diesem gesellschaftspolitischen Hintergrund wurde der Schriftsteller William S. Burroughs, ein Gentleman-Junkie mit Havard-Abschluss, Mitte der 60er-Jahre zum Identifikationssymbol einer Jugendkultur, die sich gegen Krieg, Konsumgesellschaft und konventionelle 

Lebensformen auflehnte. 1943 lernte er die Schriftsteller Allen Ginsberg und Jack Kerouac in New York kennen, mit denen er die gesellschaftskritische, skandalumwobene „Beat Generation“ verkörperte. Als zeitgenössisch musikalisches Pendant gilt Chet Baker, der zwar als einer der größten Romantiker des Jazz verklärt wurde, aber ein von Drogenexzessen zerstörtes, ganz und gar nicht romantisches Leben führte.


Schwere Kost für den Jazz & Lyrik-Abend im Alten Wasserwerk? Absolut nicht, denn der Abend stellte quasi die perfekte Symbiose von Jazz und Lyrik dar und bewies, welche Schönheit zum einen und welcher Druck zum anderen von Wort und Musik ausgehen können. Tilman Thiemigs Rezitationen waren von einer phänomenalen lautmalerischen Intensität und bedienten sich aller Register des klassischen und neuen Theaters. Damit eröffneten sich dem Zuhörer Fantasieräume, die ihn Raum und Zeit vergessen ließen und mit Gedanken einer Zeit konfrontierten, die auch in einer Spaßgesellschaft aktuell sein könnten.

Auch der legendäre Chet Baker hat von seiner Faszinationskraft bis heute nichts verloren, und wie hochaktuell seine Musik und Song-Interpretationen noch immer sind, stellte „Chettin’3“ aus Braunschweig im Alten Wasserwerk unter Beweis. Es war spannend, Stück für Stück zu lauschen und zu erleben, wie es dem Trio gelang, der atmosphärischen Schönheit der Originale auch auf dieser Bühne Raum zu verschaffen. An der Chet Baker-typischen Aura von zarter Melancholie war naturgemäß Walter Kuhlgatz mit seinem lyrischen Ton auf Trompete und Flügelhorn sowie seiner verhaltenen Stimme verantwortlich. Elmar Vibrans und Heinrich Römisch boten ihm ein eingespieltes und sicheres Fundament und rundeten mit ihren meisterlichen Soli den Abend zu einem beeindruckenden Erlebnis ab.



Ein tragisches Musikerschicksal

Heiningen Das Trio Chettin'3 bot eine Hommage an Chet Baker.

Text und Foto: Rainer Sliepen

Wolfenbüttler Zeitung vom 28. März 2014

 

Elmar Vibrans am Klavier, Walter Kuhlgatz, Trompete, und Heinrich Römisch am Bass erinnerten an den Ausnahmemusiker Chet Baker.


Tastentaumel diesmal mit Jazz. Chettin'3 haben Walter Kuhlgatz, Trompete und Gesang, Elmar Vibrans, Piano, und Heinrich Römisch, Kontrabass, ihr Konzert im Barocksaal des Klostergutes Heinin- gen genannt. Das ist eine Hommage an den großen Jazztrompeter Chet Baker.

Der ist an seiner Sucht 1988 in Amsterdam gestor- ben. Sie ist mit seinem Leben als Ausnahmemusiker verbunden. Rezitator Tilman Thiemig folgt Bakers Spuren an Hand einer düsteren Melange von Sex, Drugs and Jazz vornehmlich in den urbanen Ab- seiten von San Francisco und Chicago.

Die Abhängigkeit war auch bei den Aufnahmen mit den Größen des Jazz wie Charlie Parker, Miles Davis, Dizzy Gillespie dabei. Depression, Euphorie, Halluzinationen, geniale Momente, in denen Krea -tivität und Selbstzerstörung sich zu einer morbiden Mixtur verbanden. Deshalb überraschen seine ruhi- gen Titel wie "Here's that rainy day".

Die Trompete spielt voll vibrierender Intensität, untermalt von sparsamen Pianoeinwürfen. Der Kontrabass klopft das rhythmische Fundament. Ein Regentag, voller Melancholie, Schönheit, überbor-

dender Farbigkeit! Der Barocksaal ist ins Zwielicht farbiger Spots getaucht.

"Nightfalls" von Charlie Haden, wieder poetische Musik, traumverloren, voller Wärme und Wehmut steht am Schluss der Erinnerung an ein tragisches Musikerschicksal. Ein träumerischer Abschied! Wie ein letzter Gruß verweht die wunderbare Musik im Raum. Beifall und zwei Zugaben für das Trio und die einfühlsame Moderation von Tilman Thiemig.